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Die Heiligen Haine der NordmännerName der Stätte RegionIrminsul Sachsen (Heutiges Deutschland)Eine gewaltige Holzsäule oder ein Baumstamm, der als Stütze des Himmels verehrt wurde (772 von Karl dem Großen zerstört).Ein dem Gott Donar (Thor) geweihter Baum



Natur als Tempel

​Lange bevor prächtige Kirchen oder Tempel aus Stein in Nord- und Mitteleuropa errichtet wurden, praktizierten die germanischen und nordischen Völker ihren Glauben unter freiem Himmel. Die sogenannten Heiligen Haine (altnordisch: lundr) bildeten das spirituelle Zentrum dieser vorchristlichen Kulturen. Sie waren Orte der Verehrung, der Opfergabe und der Rechtsprechung.

​Beschaffenheit und spirituelle Bedeutung

​Für die Nordmänner und benachbarten germanischen Stämme war die Natur selbst von göttlichen Kräften durchdrungen (Animismus).

​Keine von Menschenhand geschaffenen Tempel: Der römische Historiker Tacitus berichtete bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Germania, dass die Germanen es für unvereinbar mit der Größe der Götter hielten, sie in Gebäude einzusperren.

​Der Weltenbaum als Vorbild: Bäume genossen eine besondere Verehrung. Dies spiegelt sich im nordischen Mythos von Yggdrasil, der Weltenesche, wider, die den gesamten Kosmos zusammenhält. Ein Heiliger Hain war oft ein irdisches Abbild dieser kosmischen Ordnung.

​Orte des Friedens: Viele Haine galten als Vé (geheiligter Raum). Innerhalb dieser Grenzen durfte kein Blutvergießen im Zorn stattfinden und keine Waffe gezogen werden. Wer diesen Frieden brach, wurde oft geächtet.

​Rituale und Opfergaben (Das Blót)

​Die Haine dienten nicht nur der stillen Andacht, sondern waren Schauplatz blutiger und feierlicher Rituale, um die Götter milde zu stimmen oder für eine gute Ernte und Siege im Kampf zu bitten.

​Opferungen: Bei dem als Blót bekannten Opferfest wurden Tiere (und in selteneren, extremen Fällen auch Menschen) den Göttern dargebracht. Das Blut wurde oft an die Bäume oder Altäre (Hörgr) geschmiert, während das Fleisch für das Festmahl der Gemeinschaft gekocht wurde.

​Der Hain von Uppsala: Eine der berühmtesten Beschreibungen stammt von Adam von Bremen (11. Jahrhundert). Er beschrieb den großen Tempel von Uppsala in Schweden, neben dem sich ein Heiliger Hain befand. Laut seinen Berichten war jeder Baum in diesem Wald heilig, da an ihren Ästen die Körper der geopferten Tiere (Hunde, Pferde) und Männer hingen.


Name der Stätte Region
Name der Stätte Region
Gamla Uppsala Schweden (Svear)
 Politisches und religiöses Zentrum der vorchristlichen Schweden; Standort eines riesigen Kult-Hains.
Irminsul Sachsen (Heutiges Deutschland)
Eine gewaltige Holzsäule oder ein Baumstamm, der als Stütze des Himmels verehrt wurde (772 von Karl dem Großen zerstört).
Donareiche Hessen (Chatten)
Ein dem Gott Donar (Thor) geweihter Baum, der im 8. Jahrhundert vom Missionar Bonifatius gefällt wurde, um die Ohnmacht der alten Götter zu beweisen.

Das Ende der Heiligen Haine

​Mit dem Voranschreiten der Christianisierung Europas im frühen bis hohen Mittelalter gerieten die Heiligen Haine ins Visier der Missionare und christlichen Könige.

Die Zerstörung dieser Naturheiligtümer (wie das Fällen der Donareiche oder der Irminsul) war ein strategisches Instrument. Es sollte den Heiden demonstrieren, dass ihre Götter nicht in der Lage waren, ihre eigenen heiligen Stätten zu beschützen. Oftmals wurden aus dem Holz der gefällten heiligen Bäume direkt im Anschluss die ersten christlichen Holzkirchen an derselben Stelle errichtet, um den spirituellen Ort neu zu besetzen.

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