Ask und Embla: Anthropogonie, Etymologie und kosmologische Verortung in der nordischen Mythologie
Einleitung und religionshistorischer Kontext
Die Frage nach dem Ursprung der Menschheit und ihrer Verortung im Kosmos bildet das epistemologische Fundament nahezu aller mythologischen und religiösen Systeme. In der nordisch-germanischen Tradition manifestiert sich dieser Ursprung in der Erzählung von Ask und Embla (altnordisch Askr ok Embla), den ersten Menschen, von denen das gesamte Menschengeschlecht abstammen soll1. Im scharfen Kontrast zu den dominierenden Schöpfungsmythen des Nahen Ostens – insbesondere der jüdisch-christlichen Genesis, in welcher der Mensch aus Lehm oder Erde (Adam aus adamah) geformt wird – wurzelt die altnordische Anthropogonie in der sogenannten Dendrogonie2. Die Vorstellung einer Entstehung des Menschen aus Holz oder Bäumen spiegelt ein tiefes, naturverbundenes Weltbild wider, in dem der Mensch kein losgelöster Herrscher über die Schöpfung ist, sondern ein organischer Teil von ihr1.
Der Schöpfungsmythos der ersten Menschen markiert den narrativen und ontologischen Schlusspunkt der nordischen Welterschaffung, bevor die Mythen in die Darstellung des Lebens der Götter und Menschen übergehen1. Die historische Dimension dieses Glaubenssystems erstreckt sich über einen gewaltigen Zeitraum. Die Grundlagen der germanischen Religion, deren späteste und literarisch am besten dokumentierte Ausprägung die nordische Mythologie darstellt, lassen sich von der nordischen Bronzezeit (ca. 1500–500 v. Chr.) bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts n. Chr. zurückverfolgen6. Das geografische Areal dieser Glaubensvorstellungen reichte in seiner maximalen Ausdehnung von Island bis zum Schwarzen Meer6.
In der religionshistorischen Forschung der Gegenwart, etwa bei Gro Steinsland, wird diese spezifische Entstehungsgeschichte oft als Ausdruck einer „alten nordischen Holistik“ (gammel norrøn holisme) interpretiert3. Während die christliche Tradition durch die Erschaffung des Menschen als „Ebenbild Gottes“ (Genesis 1,26) eine klare Hierarchie etablierte, die den Menschen zur Herrschaft über die Natur autorisierte und eine Transzendenz-Immanenz-Polarität schuf, positioniert der Mythos von Ask und Embla den Menschen als direkte Verlängerung der Flora3. Diese ökologische und philosophische Implikation bedeutet, dass der Mensch ein Mikrokosmos ist, der in direkter physischer und spiritueller Resonanz zum makrokosmischen Weltenbaum Yggdrasil steht1.
Die Erforschung dieses Mythos ist jedoch durch eine fragmentarische Quellenlage geprägt. Die meisten Informationen über die vorchristliche Religion Skandinaviens wurden paradoxerweise von christlichen Gelehrten auf Island im 13. Jahrhundert – mehr als zweihundert Jahre nach der Christianisierung der Insel im Jahr 999 oder 1000 n. Chr. – niedergeschrieben3. Die Textbasis stützt sich im Wesentlichen auf zwei Hauptquellen, die in ihren theonomen und redaktionellen Details voneinander abweichen: die eddische Dichtung der Völuspá (Der Ausspruch der Seherin) aus der sogenannten Lieder-Edda (oder Sæmundar-Edda) und die systematische Prosa-Edda (Snorra-Edda) des Historikers und Dichters Snorri Sturluson1. Dieser Bericht analysiert die Erschaffung von Ask und Embla in exhaustiver Detailtiefe, beleuchtet die literarischen Quellen philologisch, ordnet etymologische Kontroversen um die Namensgebung und die Göttertriade ein und stellt den Mythos in einen breiteren indogermanischen, gesellschaftlichen und eschatologischen Kontext.
Der kosmogonische Vorlauf: Vom Ginnungagap zu Midgard
Um die Entstehung des Menschen in der nordischen Mythologie vollständig zu erfassen, muss zwingend der kosmogonische Rahmen betrachtet werden, in den Ask und Embla eintreten. Der Schöpfungsbericht beginnt mit einem absoluten Nichts, dem gähnenden Abgrund Ginnungagap. Die dritte Strophe der Völuspá beschreibt diesen Anbeginn der Zeiten:
„Ár var alda, þat er ekki var, var-a sandur né sær né svalar unnir; jörð fannst æva né upphiminn, gap var ginnunga, en gras hvergi.“5
(„Urzeit war es, da Ymir hauste [oder: als nichts war]: / nicht war Sand noch See noch Salzwogen, / nicht Erde unten noch oben Himmel, / Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.“)5
Dieser Urzustand gleicht frappierend den Versen des christlich geprägten, aber auf älterem germanischem Erbe basierenden Wessobrunner Gebets, das rund zweihundert Jahre zuvor im westgermanischen Raum aufgezeichnet wurde und ebenfalls von einer Zeit berichtet, „als Erde nicht war, noch Auf Himmel, noch Baum noch Berg“5.
Erst durch das Aufeinandertreffen der eisigen Kälte aus Niflheim im Norden und der glutheißen Funken aus Muspelheim im Süden entstand im Ginnungagap das erste Wesen: der frostige Urriese Ymir9. Die Götter – namentlich die Söhne Borrs (Odin, Vili und Vé) – erschlugen Ymir und formten aus seinem gewaltigen Leichnam die Welt10. Wie im eddischen Lied Vafþrúðnismál (Strophe 21) erläutert wird, wurde aus Ymirs Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge, aus seinem Schädel das Himmelsgewölbe und aus seinem Blut das Meer geschaffen5.
Die Entstehung der Himmelskörper – Sonne, Mond und Sterne – schuf die Möglichkeit zur Zeitmessung und den Rhythmus von Tag und Nacht, was die Etablierung einer göttlichen Ordnung (Kosmos) markiert8. Um diese neugeschaffene Welt vor den chaotischen Kräften der verbliebenen Riesen (Jötnar) zu schützen, errichteten die Götter aus den Augenbrauen Ymirs einen gewaltigen Wall12. Die so eingefriedete Welt im Zentrum des Kosmos erhielt den Namen Midgard („Mittelheim“ oder „Mittelgarten“)10. Dennoch war diese Welt noch unvollständig. Es bedurfte einer Spezies, die dieses Reich bevölkern und bewirtschaften konnte. Midgard war bereitet, doch die Menschen fehlten.
Die literarischen Primärquellen und ihre Textkritik
Die Darstellung der Anthropogonie unterscheidet sich in den beiden eddischen Hauptwerken erheblich, was auf eine mehrschichtige mündliche Tradition und spätere theologische Redaktionsprozesse hinweist1.
Die Lieder-Edda: Die Völuspá und die schicksalslosen Hölzer
Das Gedicht Völuspá (Weissagung der Seherin) gilt als das bedeutendste Werk der nordischen Mythenüberlieferung8. Es ist im Codex Regius (um 1270) sowie in der Hauksbók (um 1300) überliefert14. In diesem Lied wird die höchste nordische Gottheit, Odin, von einer untoten, allwissenden Seherin (Völva) belehrt, die das Schicksal der Welt vom absoluten Anfang bis zum Untergang (Ragnarök) und der anschließenden Erneuerung überblickt10. Das Auftreten einer weiblichen Figur als Hüterin des absoluten kosmischen Wissens verweist auf die hohe kultische und soziale Stellung von Seherinnen in der vorchristlichen nordischen Welt10.
In den Strophen 17 und 18 schildert die Völva das Auffinden und die Belebung der ersten Menschen. Der altnordische Originaltext, der ein Meisterwerk altgermanischer Stabreimdichtung darstellt, lautet:
„Unz þrír qvómo ór því liði,
ǫflgir oc ástgir, æsir, at húsi;
fundo á landi, lítt megandi,
Asc oc Emblo, ørlǫglausa.
ǫnd þau né átto, óð þau né hǫfðo, lá né læti né lito góða; ǫnd gaf Óðinn, óð gaf Hœnir, lá gaf Lóðurr oc lito góða.“1
Karl Simrocks klassische deutsche Übersetzung (1876) überträgt diese Strophen wie folgt:
„Gingen da dreie aus dieser Versammlung,
Mächtige, milde Asen zumal,
Fanden am Ufer unmächtig
Ask und Embla und ohne Bestimmung.
Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht, Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe. Seele gab Odhin, Hönir gab Sinn, Blut gab Lodur und blühende Farbe.“11
Diese Verse offenbaren einen komplexen Schöpfungsakt. Die drei Götter – Odin, Hönir und Lodur – finden Ask und Embla „am Land“ (á landi), was zumeist in Anlehnung an spätere Traditionen als Meeresstrand interpretiert wird1. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich Ask und Embla in einem vegetativen, unbelebten Vorzustand. Sie sind „wenig kräftig“ (lítt megandi) und vor allem „schicksalslos“ (ørlǫglausa)1. Dass sie in der Völuspá bereits vor ihrer Belebung die Namen Ask und Embla tragen, legt nahe, dass der Dichter voraussetzte, das Publikum kenne die mythologische Prämisse, dass es sich um Hölzer oder Baumstämme handelte, da Askr wörtlich „Esche“ bedeutet1.
Das Dvergatal und die Hypothese der prä-humanen Formung
Ein massives strukturelles Problem innerhalb der Völuspá liefert das sogenannte Dvergatal (Der Zwergenkatalog), das die Strophen 9 bis 16 umfasst, also exakt vor der Erschaffung der Menschen platziert ist17. In dieser Passage wird berichtet, wie die Götter beratschlagten, wer die Zwerge aus dem Blut und den Knochen Ymirs (hier Brimir und Bláinn genannt) erschaffen solle5. Daraufhin entstanden die Zwerge, angeführt von Modsognir und Durin.
Strophe 10 enthält ein faszinierendes Detail:
„Þar var Mótsognir mæztr um orðinn / dverga allra, enn Durinn annarr; / þeir manlícon mǫrg um gorðo, / dvergar, ór iorðo, sem Durinn sagði.“1 („Da ward Modsognir der mächtigste / Dieser Zwerge, und Durin nach ihm. / Menschenbilder / Machten sie viele, / Die Zwerge, von Erde, wie Durin angab.“)8
Diese Erwähnung von „Menschenbildern“ (manlíkon) aus Erde hat Forscher wie Gro Steinsland und Anders Hultgård zu der Annahme geführt, dass die nordische Anthropogenie in zwei distinkten Phasen verlief19. Nach dieser Theorie besaßen die Zwerge zwar das chthonische, handwerkliche Geschick, um aus den Elementen menschenähnliche Hüllen zu formen, doch fehlte ihnen die göttliche, pneumatische Macht, diese zu beseelen19. Die Götter Triaden in Strophe 17 träfen demnach auf diese vorgefertigten, aber leblosen Körper am Strand. Diese Theorie der „Lehmformung durch Zwerge“ steht jedoch in einer gewissen konzeptionellen Spannung zur Dendrogonie (Holzherkunft), auf die die Namen Ask und Embla hinweisen, was darauf hindeutet, dass in der Völuspá möglicherweise zwei ältere, ursprünglich getrennte Mythenstränge (Lehm vs. Holz) von einem Dichter synthetisiert wurden1.
Die Prosa-Edda: Snorris theologische Systematisierung
Rund zweihundert Jahre nach der Kompilation der Lieder-Edda verfasste der isländische Gelehrte und Politiker Snorri Sturluson (1179–1241) die Prosa-Edda2. Sein Werk, insbesondere der Teil Gylfaginning (Gylfis Verblendung), sollte Skalden als Lehrbuch dienen, strukturierte die Mythologie aber stark nach dem intellektuellen Horizont eines christlich geprägten Hochmittelalters3. Snorri betrieb im Prolog seines Werkes Euhemerismus – er erklärte die alten Götter zu historischen, vergöttlichten Helden aus Kleinasien (Troja), um das heidnische Material für ein christliches Publikum akzeptabel zu machen20.
In Kapitel 9 der Gylfaginning liefert Snorri einen kohärenten, prosaischen Bericht über die Erschaffung der ersten Menschen:
„Þá er þeir gengu með sævarströndu Borssynir, fundu þeir tré tvau ok tóku upp trén ok sköpuðu af menn. Gaf inn fyrsti önd ok líf, annarr vit ok hræring, þriði ásjónu, mál ok heyrn ok sjón, gáfu þeim klæði ok nöfn. Hét karlmaðrinn Askr en konan Embla, ok ólst þaðan af mannkindin, sú er byggðin var gefinn undir Miðgarði.“1
(„Als die Söhne Borrs am Meeresstrand entlanggingen, fanden sie zwei Baumstämme. Die hoben sie auf und erschufen daraus die Menschen. Der Erste gab ihnen Seele und Leben, der Zweite Verstand und Bewegungsfähigkeit, der Dritte äußere Gestalt, Sprechvermögen, Gehör und die Fähigkeit zu sehen. Sie gaben ihnen Kleider und Namen; der Mann hieß Ask, die Frau Embla, und aus ihnen ging das Menschengeschlecht hervor, dem Midgard zur Heimat gegeben wurde.“)1
Die Transformation des Mythos durch Snorri ist signifikant. Erstens ändert er die handelnde Göttertriade. An die Stelle der obskuren Gruppe um Odin, Hönir und Lodur treten die „Söhne Borrs“ (Odin, Vili und Vé), dieselbe Dreifaltigkeit, die Ymir erschlug1. Zweitens betont Snorri ausdrücklich das Ausgangsmaterial: Es handelte sich um zwei noch unbenannte Baumstämme (tré tvau), die sie am Strand fanden2. Drittens formalisiert er den Schöpfungsprozess, indem die Götter die Wesen nicht nur beseelen, sondern sie aktiv schnitzen („schufen daraus die Menschen“), sie im Anschluss benennen und in Midgard ansiedeln1.
Fragmente im Hávamál: Das Motiv der Bekleidung
Snorri fügte seiner Schilderung das Motiv hinzu, dass die Götter den ersten Menschen Kleidung gaben. Dies könnte als Versuch gewertet werden, die nackte Unschuld des Paradieses aus der Genesis auf die nordische Mythologie zu übertragen3. Dennoch lässt sich belegen, dass dieses Element tiefe heidnische Wurzeln besitzt. In der Hávamál (Sprüche des Hohen), einer archaischen Spruchsammlung der Lieder-Edda, findet sich in Strophe 49 ein Vers, in dem Odin selbst spricht:
„Váðir mínar gaf ec velli at tveim trémǫnnom; […]“1 („Meine Kleider gab ich auf dem Feld / zwei Holzmännern; […]“)1
Dieses Fragment wird in der nordistischen Forschung als Relikt eines untergegangenen oder parallel existierenden Schöpfungsmythos identifiziert1. Es belegt, dass die Anthropomorphisierung und Zivilisierung unbelebter Holzkörper („Holzmänner“) durch das Bekleiden ein fester Topos der urgermanischen Tradition war. Erst durch Kleidung, Sprache und Verstand wurden die Naturmaterialien zu sozialen, handlungsfähigen Wesen.
Tabellarischer Abgleich der Textzeugnisse
Um die evolutionäre Entwicklung und theologische Verschiebung des Mythos zu verdeutlichen, bietet sich eine Gegenüberstellung der primären Attribute an:
| Schöpfungsaspekt | Völuspá 17-18 (Lieder-Edda) | Gylfaginning 9 (Prosa-Edda) | Hávamál 49 (Fragment) |
| Schöpfer | Odin, Hönir, Lodur | Söhne Borrs (Odin, Vili, Vé) | Odin (Ich-Erzähler) |
| Ausgangsmaterial | „Ask und Embla“, am Land liegend | Zwei Baumstämme (tré tvau) am Meeresstrand | Zwei Holzmänner (tveim trémǫnnom) auf dem Feld |
| Zustand vor Belebung | Schicksalslos (ørlǫglausa), schwach | Unbelebte Hölzer | Nackte Holzmänner |
| Erste Gabe | ǫnd (Atem, Leben) | önd ok líf (Seele und Leben) | (Nicht explizit genannt) |
| Zweite Gabe | óðr (Geist, Verstand) | vit ok hræring (Verstand und Bewegung) | (Nicht explizit genannt) |
| Dritte Gabe | lá, lito góða (Wärme/Blut, gute Farbe) | ásjónu, mál, heyrn, sjón (Gestalt, Sprache, Gehör, Sehen) | Kleider (váðir) |
| Zusätzliche Akte | – | Namensgebung, Bekleidung, Ansiedlung | Bekleidung macht sie „zu Männern“ |
Die Schöpfergötter und die Phänomenologie ihrer Gaben
Der Schöpfungsprozess des Menschen in der nordischen Mythologie ist kein handwerklicher Formungsakt aus dem Nichts (creatio ex nihilo), sondern eine Übertragung göttlicher Eigenschaften auf ein natürliches Substrat. Die Analyse der spezifischen Gaben bietet einen profunden Einblick in die altnordische Anthropologie und das Verständnis der Seele1.
Odin und die Gabe des Atems (önd)
Odin verleiht den Hölzern önd, was übersetzt „Atem“ bedeutet und metonymisch für „Leben“ steht1. Das etymologische Konzept, das Leben mit dem Ein- und Ausatmen gleichzusetzen, ist ein universelles religiöses Motiv (vgl. das hebräische ruach oder das lateinische spiritus). Odins Wesen ist tief mit Elementen von Wind, Sturm und atmosphärischer Erregung verknüpft (sein Name leitet sich von der indogermanischen Wurzel für Raserei/Wind ab). Durch das Einblasen des Lebenswindes überträgt der oberste Gott seine eigene vitale Kraft auf die unbelebte Materie1. Ohne önd gibt es keine biologische Existenz.
Hönir und die Gabe des Geistes (óðr)
Hönir, eine Gestalt, die in den Mythen oft als unentschlossen oder still dargestellt wird, verleiht den Menschen óðr1. Dieses Wort ist sprachhistorisch eng mit Odins Namen (altnordisch Óðinn) verwandt und bedeutet wörtlich „Wut, Raserei, Erregtheit“, umfasst aber auch die Konzepte „Geist“, „Verstand“ und „Dichtung“1. Das damalige nordische Verständnis von psychologischen Prozessen basierte stark auf Ekstase und Erregung. Óðr ist somit keine rein analytische Vernunft, sondern die emotionale, geistige und spirituelle Regsamkeit des Menschen1. Aus christlich-theologischer Perspektive des Mittelalters wurde dieser Begriff oft mit der „Seele“ gleichgesetzt, die sich an den physischen Körper bindet1.
Lodur: Körperwärme, Farbe und das Loki-Rätsel
Die umstrittenste Phase der Anthropogonie betrifft die Gaben des Gottes Lodur (Lóðurr). Er verleiht Ask und Embla lá und lito góða1. Lá ist etymologisch polysem und wird von Linguisten wahlweise mit „Blut“, „Lebenswärme“, „Film aus Fleisch“ oder allgemeiner „Körperflüssigkeit“ übersetzt1. Es repräsentiert die grobstoffliche Lebenskraft, das Zirkulieren der Säfte im Organismus. Lito góða bedeutet wörtlich „die gute Farbe“ und steht für das gesunde, menschliche Erscheinungsbild – die rosenrote Haut als Zeichen pulsierenden Lebens1. Eine Minderheitenmeinung in der Forschung, angeführt durch Gro Steinsland, schlug vor, den Urtext metrisch bedingt als lito goða zu lesen, was „göttliches Aussehen“ bedeuten würde1. Dies würde implizieren, dass der Mensch buchstäblich nach dem optischen Ebenbild der Asen geformt wurde1.
Wer aber ist Lodur? Dieser Gott tritt in der gesamten Prosa-Edda nicht ein einziges Mal in Erscheinung, und auch in der Lieder-Edda bleibt er ein Schatten. Die germanistische Forschung ist hier in drei Hauptlager gespalten23:
- Die Vili/Vé-Theorie: Da Snorri Sturluson die Schöpfung den Söhnen Borrs zuschreibt, schlossen Forscher wie Viktor Rydberg im 19. Jahrhundert, dass Hönir und Lodur lediglich alternative Heiti (Synonyme) für Vili und Vé sein müssten23.
- Die Freyr-Theorie: Einige Etymologen verknüpften den Namen Lodur mit Fruchtbarkeitsbegriffen (z. B. altnordisch lóð für „Frucht/Ertrag“ oder gotisch liudan für „wachsen“), um ihn mit dem Wanengott Freyr gleichzusetzen. Direkte literarische Belege hierfür fehlen jedoch23.
- Die Loki-Theorie (Ursula Dronke, Haukur Þorgeirsson): Die heute am intensivsten diskutierte These identifiziert Lodur als dritten Namen des Trickster-Gottes Loki (neben Loptr)23. In der skaldischen Dichtung, etwa im Haustlöng oder dem Prolog der Reginsmál, treten Odin, Hönir und Loki immer wieder als kanonisches Reisegespann auf23. In skaldischen Kenningar (Umschreibungen) wird Odin zudem als „Lodurs Freund“ (Lóðurrs vinr) bezeichnet, was ein exaktes sprachliches Pendant zu der bekannten Kenning „Loptrs (Lokis) Freund“ darstellt23. Die gravierendste Beweisführung liefert jedoch die isländische Rímur-Dichtung des späten Mittelalters, namentlich die Lokrur und Þrymlur (um 1400 n. Chr.). In diesen volkssprachlichen Balladen wird Loki explizit als „Lóður“ angesprochen23. Da im 14. Jahrhundert das genaue Wissen der eddischen Dichtung als weitgehend vergessen galt und Snorri den Namen Lodur ohnehin ausließ, argumentiert Haukur Þorgeirsson, dass diese Dichter ihr Wissen aus einer überlebenden, starken mündlichen Tradition bezogen haben müssen, die Loki und Lodur gleichsetzte23.
Die Vorstellung, dass ausgerechnet Loki – der Gott der List, des Verrats und der spätere Auslöser des Weltuntergangs (Ragnarök) – den Menschen ihr körperliches Aussehen und ihr wärmendes Blut gab, verleiht der nordischen Anthropologie eine tragische Tiefe. Loki ist es, der den Menschen an das Fleischliche bindet. Es ist eine tiefe mythologische Ironie und ein Beweis für die Dualität der Welt, dass der Zerstörer der Weltordnung zugleich einer ihrer Schöpfer ist23.
Philologische und Etymologische Kontroversen um Ask und Embla
Die Benennung des ersten Menschenpaares birgt den tiefsten ontologischen Schlüssel zum Verständnis der nordischen Schöpfung. Während die Namen Adam (Erde) und Eva (die Lebendige) das hebräische Weltbild widerspiegeln, offenbaren Ask und Embla die indogermanische Flora-Symbolik2.
Askr – Die Esche, die Krieger und der Weltenbaum
Der Name des Mannes, Askr, ist etymologisch absolut transparent. Er geht lückenlos auf das urgermanische *askaz und das indogermanische *osk- zurück und bedeutet schlicht „Esche“1. Diese botanische Identifikation ist auf mehreren Ebenen signifikant:
- Materielle Kultur: Eschenholz zeichnet sich durch immense Zähigkeit, Elastizität und Härte aus. In der prähistorischen und wikingerzeitlichen Gesellschaft Skandinaviens war Eschenholz der präferierte Werkstoff für den Bau von Speerschäften (dem Stab des Kriegers) sowie für den Schiffbau und landwirtschaftliche Werkzeuge1. Der Krieger war im übertragenen und wörtlichen Sinne die Speeresche.
- Makrokosmische Analogie: Wie bereits angedeutet, ist der Weltenbaum Yggdrasil ebenfalls eine Esche. Die Völuspá etabliert in Strophe 19, direkt nach der Erschaffung des Menschen, die Verbindung: „Asc veit ec standa, heitir Yggdrasil“ („Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasil“)1. Die drei fundamentalen Ebenen des Baumes (Wurzelwerk in der Unterwelt, Stamm in Midgard, Krone in Asgard) spiegeln die menschliche Physis (Füße, Rumpf, Kopf) wider1. Der Mensch ist nicht nur aus einem Baum gemacht; er ist ein Fraktal des universalen Weltenbaums, eine kleine Esche, deren Existenz das Gefüge der Welt aufrechterhält1.
Embla – Ulme, Rebe oder das Reibholz des Feuers?
Im Gegensatz zur klaren Herkunft von Askr gilt die Etymologie des Frauennamens Embla als eines der größten ungelösten linguistischen Rätsel der nordischen Philologie. Ein direkter altnordischer Baumnamen, der „Embla“ lautet, existiert nicht. Die Wissenschaft hat im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts vier dominante Theorien entwickelt, die in der folgenden Übersicht systematisiert werden:
| Theorie | Linguistischer Ursprung | Symbolische Bedeutung / Kontext | Vertreter |
| Ulmen-Theorie | *Almilōn -> *Ambilō -> Embla (Diminutiv zu altnordisch almr für Ulme) | Ulmen wachsen oft symbiotisch mit Eschen. Holz war ebenfalls ein wichtiger Werkstoff. Sprachhistorisch jedoch hochspekulativ und fehleranfällig. | Sophus Bugge (1881)1 |
| Reben-Theorie | Griechisch ámpelos (ἄμπελος) -> urgerm. *Ambilō -> Embla | Die rankende, sich anlehnende Schlingpflanze als weibliches Pendant zur festen, aufrechten Esche. Symbolisiert Fruchtbarkeit und Flexibilität. | Jan de Vries, Karl G. Johannson2 |
| Fleißige-Frau-Theorie | Wurzeln amr, aml, ambl (emsige Arbeit / fleißig sein) | „Die Fleißige“. Parallele zu indoiranischen Ur-Paaren, die agrikulturelle Bedeutung trugen. Keine botanische Herleitung. | Jacob Grimm, Benjamin Thorpe2 |
| Feuerbohrer-Theorie | Altnordisch eim (Feuer/Rauch/Dampf) + la = „Feuermacherin“ | Sexuelle Metaphorik: Der harte Holzstab (Askr) wird rituell in ein weicheres Holz/Rebe (Embla) gerieben, um Lebenswärme zu erzeugen. | Gunlög Josefsson, Henning Kure2 |
Besondere Beachtung verdient die Feuerbohrer-Theorie (Fire drill theory). In zahllosen indogermanischen und archaischen Gesellschaften wird das rituelle Entzünden von Feuer durch Reibung (ein harter Stab bohrt in eine weichere Unterlage) explizit mit dem sexuellen Zeugungsakt gleichgesetzt2. Gunlög Josefsson und Henning Kure argumentieren, dass das Hervorbringen von „Lebenswärme“ (lá) und Feuer das ultimative Symbol für Orgasmus, Befruchtung und Reproduktion ist2. Dieser Akt der Zeugung aus Holz findet visuelle Bestätigung auf Felsritzungen der skandinavischen Bronzezeit, etwa in den Gräbern von Kivik, wo Rituale rund um Feuer und Fruchtbarkeit im Zentrum des Kults standen2. Embla wäre demnach nicht einfach eine Baumart, sondern repräsentiert die essenzielle Funktion des Hervorbringens von Leben und Feuer.
Der religionshistorische und indogermanische Kontext
Der Mythos von Ask und Embla ist kein nordischer Isolationsfall, sondern die Endausprägung eines weitreichenden indogermanischen Narrativs, das Mythenforscher wie Bruce Lincoln als ein vereintes mythologisches System beschreiben, welches Individuum, Gesellschaft und Kosmos verschränkt30.
Dendrogonie im Vergleich: Hesiod und der Iran
Die Entstehung des Menschen aus Bäumen oder Felsen unterscheidet die indogermanische Erzähltradition fundamental von der nahöstlichen Tradition der Formung aus Lehm oder Ton (Bibel, Gilgamesch, Enuma Elisch)2. Anders Hultgård demonstriert, dass diese Dendrogonie insbesondere bei Völkern in Europa, Kleinasien und dem Iran verankert war2.
- Griechische Antike: Der Dichter Hesiod berichtet in seiner Theogonie und den Werken und Tagen (ca. 700 v. Chr.) von den Meliae, den Eschennymphen, die aus dem Blut des kastrierten Uranos auf die Erde fielen. Aus diesen Eschennymphen – oder direkt aus dem Holz der Esche – schuf Zeus das grausame, martialische Menschengeschlecht der Bronzezeit, dessen Waffen und Herzen so hart wie die Esche waren1.
- Iranische Antike: In den mitteliranischen Schriften, insbesondere im zoroastrischen Bundahischn (Kapitel 15), wachsen die ersten Menschen, Mashya und Mashyanag, zur Zeit der Herbst-Tagundnachtgleiche aus der Erde2. Sie wuchsen für fünfzehn Jahre in Form einer Rhabarberpflanze mit einem einzigen Stamm heran. Sie waren so eng miteinander verschlungen, dass man Mann und Frau nicht voneinander unterscheiden konnte. Schließlich griff der Schöpfergott Ahura Mazda ein, verlieh ihnen eine Seele und sprach: „Seid Menschen; werdet die Eltern der Welt!“33. Daraufhin wandelten sie ihre pflanzliche Gestalt in menschliche Formen.
Hultgård folgert, dass der nordische Mythos eine extrem komprimierte Form einer analogen Erzählung darstellt. Bevor die Götter an den Strand traten, waren Ask und Embla vermutlich langsam aus dem neugeborenen Land als pflanzliche Wesen herangewachsen. Sie befanden sich in einem prähumanen, vegetativen Dämmerzustand („wenig kräftig“), bis die asische Triade sie durch eine göttliche Metamorphose in voll entwickelte, beseelte Menschen verwandelte3.
Heilige Haine und hölzerne Idole: Die archäologische Realität
Der Mythos von Ask und Embla stand nicht in einem Vakuum, sondern war tief in der rituellen Praxis der Germanen verankert. Die Verehrung von Bäumen als Wohnsitz von Gottheiten und die Durchführung von Kulten im Wald (Heilige Haine) sind historisch bestens bezeugt34.
Bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. berichtete der römische Historiker Tacitus in seiner Germania, dass die Germanen keine gemauerten Tempel bauten, sondern „Wälder und Haine weihen und mit den Namen von Göttern jene verborgene Präsenz benennen, die sie nur im Auge der Andacht sehen“34. Er beschrieb den grausamen, aber hochheiligen Opferhain der Semnonen und das unberührte Wäldchen (castum nemus) auf einer Ozeaninsel, in dem die Göttin Nerthus residierte34. Nach einer Schlacht im Teutoburger Wald opferten die Cherusker römische Gefangene an den Bäumen ihrer Heiligtümer34.
Archäologische Funde stützen diese Berichte über dendrolatrische (baumverehrende) Praktiken bis in die späte Wikingerzeit. Bei Ausgrabungen unter der Kirche von Frösön in Jämtland (Schweden) wurde ein vermoderter Birkenstumpf entdeckt, der von großen Mengen an Tierknochen (vorwiegend Braunbären und Schweine) umgeben war – der physische Beweis eines heiligen Baumes, an dem bis ins 11. Jahrhundert Opferhandlungen (Blót) stattfanden34. Auf dem Hügel Lunda (übersetzt „Der Hain“) in Södermanland fanden sich ähnliche Relikte von Brandopfern34.
Besonders eindrucksvoll manifestiert sich die Verschmelzung von Holz und Götterbild in den sogenannten Moorleichen-Idolen. Im Braaker Moor (Schleswig-Holstein) wurden zwei überlebensgroße, nackte Holzfiguren – ein Mann und eine Frau – aus dem Torf geborgen. Die Forscherin Hilda Ellis Davidson argumentiert, dass solche hölzernen Deitäten (möglicherweise des Wanen-Kults) ein direkter physischer Nachhall der Vorstellung sind, dass das Göttliche und Menschliche aus dem Holz der Wälder geformt werden kann2. Ask und Embla waren für den altgermanischen Menschen keine abstrakten Metaphern, sondern spiegelten sich tagtäglich in den Idolfiguren wider, die an den Stränden und Mooren aufgestellt wurden.
Schicksal, Gesellschaft und Eschatologie
Ask und Embla wurden mit Seele, Verstand und Körperwärme ausgestattet, doch die asischen Schöpfer konnten ihnen nicht das Wichtigste verleihen: den Sinn oder Ablauf ihres Lebens.
Ørlǫglausa und das Diktat der Nornen
In der Völuspá wird explizit betont, dass Ask und Embla bei ihrer Auffindung ørlǫglausa – „ohne Schicksal“ – waren1. Das altnordische Konzept des Schicksals (örlög, wörtlich „das Ur-Gelegte“ oder „Grundgesetz“) unterscheidet sich gravierend vom christlichen Konzept der Vorsehung5. Die Götter sind in der nordischen Mythologie nicht allmächtig. Sie erschufen zwar den menschlichen Körper und Geist, haben jedoch keine Kontrolle über die Länge und das Glück eines Menschenlebens5.
Dieses Monopol obliegt den Nornen. Nur zwei Strophen nach der Beschreibung des Weltenbaums berichtet die Völuspá (Strophe 20), dass drei vielwissende Mädchen aus dem See unter Yggdrasil kamen: Urd (das Gewordene / die Vergangenheit), Verdandi (das Werdende / die Gegenwart) und Skuld (das Sein-Sollende / die Zukunft)1.
„þær lǫg lǫgðo, þær líf kuro / alda bornom, ørlǫg seggia.“ („Sie legten Bestimmungen fest, sie wählten das Leben / den Menschenkindern, das Schicksal der Männer.“)1
Während die Götter also die bloße Existenz stifteten, webten, ritzten und bestimmten die Nornen den Lebensfaden1. Dies impliziert eine deterministische, aber stark in der Natur verwurzelte Weltanschauung. Selbst die Götter – einschließlich Odin – müssen sich letztlich den Fäden der Nornen beugen10.
Baummetaphorik in der Skaldendichtung: Der Mensch als Baum
Der kulturelle Nachhall von Ask und Embla durchdrang das wichtigste intellektuelle Medium der Wikingerzeit: die skaldische Dichtkunst4. Skalden bedienten sich sogenannter Kenningar (Singular: Kenning), zweigliedriger rhetorischer Umschreibungen, um Dinge komplexer auszudrücken36. Die Basis dieser Metaphorik ist zutiefst anthropogonisch.
Snorri Sturluson fasste diese Konvention in seiner theoretischen Schrift Skáldskaparmál (Kapitel 31) zusammen: Da der erste Mann aus einer Esche (askr) und die Frau aus einem weiblichen Baum (embla) bestand, wurden in den Kenningar Männer konsequent mit Bezeichnungen für männliche Bäume (Esche, Ahorn, Hain) und Frauen mit weiblichen Baumnamen oder Holzarten belegt1. Ein typischer Krieger wurde als „Esche des Schwertes“ oder „Baum der Schlacht“ bezeichnet37. Frauen wurden in Liebesgedichten als „Baum des Schmucks“ oder „Linde des Goldes“ besungen2. Diese poetische Architektur belegt, dass die Wikingergesellschaft die Gleichsetzung von Menschen und Baum als fundamentale ontologische Wahrheit betrachtete; die biologische Herkunft von Ask und Embla definierte das Selbstverständnis des Individuums2.
Rígsthula und die Sakralisierung der gesellschaftlichen Ordnung
Während Ask und Embla das biologische Fundament der Menschheit bilden, reichte der Mythos nicht aus, um die stark hierarchisch gegliederte Gesellschaft der Wikingerzeit zu erklären38. Hier setzt ein anderes bedeutendes eddisches Gedicht an: Die Rígsthula (Das Lied von Ríg)13.
Dieses Gedicht, das in einer Handschrift der Snorra-Edda (Codex Wormianus, 14. Jh.) überliefert ist, berichtet, wie ein wandernder Gott namens Ríg (gemäß dem Prolog Heimdall, obwohl einige Forscher Eigenschaften Odins erkennen) durch Midgard wandert und die Nachkommen von Ask und Embla besucht, um die sozialen Stände zu erschaffen13. Heimdall, der Wächtergott, ist selbst mythologisch stark mit dem Weltenbaum verbunden, da er am Rand der Welt von neun Riesenjungfrauen (Müttern) geboren wurde40.
Ríg besucht nacheinander drei Ehepaare und zeugt bei den Frauen drei Stammsöhne:
- Der unfreie Stand: Bei Ai (Urgroßvater) und Edda (Urgroßmutter) zeugt er Thrall (Knecht). Aus ihm und seiner Frau Esne entstammt die Klasse der Sklaven und hart arbeitenden Knechte, geprägt von rauer Haut und klobigen Händen13.
- Der freie Stand: Bei Afi (Großvater) und Amma (Großmutter) zeugt er Karl (Freier Mann/Bauer). Er wird der Ahnherr der wehrhaften Bauern, Handwerker und Landbesitzer, die in Midgard das Rückgrat der Ökonomie bildeten13.
- Der Adel: Bei Vater und Mutter zeugt er Jarl (Edler). Er ist der Ahne der adligen Krieger, Könige und Herrscher. Ríg ehrt diesen Stand besonders, indem er zurückkehrt, Jarl seinen eigenen Namen (Ríg) als Titel verleiht und dessen jüngerem Sohn Kon (König) die geheime Magie der Runen lehrt13.
Dieser Mythos zeigt, dass Ask und Embla zwar die universelle Gleichheit im Ursprung der Gattung repräsentieren, die altnordische Kultur jedoch eine zusätzliche göttliche Intervention benötigte, um die soziale Klassengesellschaft (Leibeigene, freie Bauern, kriegerischer Adel) ontologisch zu legitimieren13.
Der eschatologische Zyklus: Ragnarök, Líf und Lífthrasir
Die nordische Kosmologie zeichnet sich durch einen unerbittlichen Zyklus von Schöpfung und Zerstörung aus. Die Ordnung, die die Götter mit Midgard und der Erschaffung von Ask und Embla errichteten, trägt bereits den Keim ihres Untergangs in sich10. Der moralische Verfall in Midgard – Bruder bekämpft Bruder, Eide werden gebrochen (wie die Völuspá dramatisch beschreibt) – mündet zwangsläufig in die eschatologische Endschlacht: Ragnarök (Das Schicksal der Götter)10.
Wenn der Feuerriese Surt die Welt in Flammen setzt und Midgard im Meer versinkt, sterben die meisten Götter und nahezu die gesamte Menschheit (die Nachfahren von Ask und Embla)10. Doch das Prinzip des Lebens erweist sich als ebenso beständig wie das Holz des Weltenbaums. Zwei Menschen, das Paar Líf (Leben) und Lífthrasir (Lebensdrang), überleben das flammende Inferno, indem sie sich in Hoddmimirs Holz (einer Manifestation von Yggdrasil) verbergen und sich vom Morgentau ernähren10.
Als die gereinigte, neugrünende Erde (iðiagrœna) ein zweites Mal aus den Fluten emporsteigt, werden Líf und Lífthrasir zu den neuen Stammeltern der Menschheit in einem erneuerten Zeitalter, in dem die Felder ungesät wachsen und Baldur aus der Unterwelt zurückkehrt5. Die Parallele ist eklatant: Wie einst Ask und Embla als Hölzer von den Göttern belebt wurden, so überleben die neuen Stammeltern, geborgen im Holz des ewigen Baumes10. Dies schließt den Kreis der „alten nordischen Holistik“ – der Mensch geht aus dem Baum hervor, wird vom Baum vor der totalen Vernichtung geschützt und gebiert aus dessen Schutz heraus den Anbruch einer neuen Ära.
Fazit
Die Analyse des Mythos um Ask und Embla erhellt die fundamentalen Unterschiede zwischen dem altgermanischen und dem christlich-abendländischen Menschenbild. Während das Letztere den Menschen als Krone einer anthropozentrischen Schöpfung begreift, formuliert die nordische Anthropogonie einen konsequenten Ökozentrismus. Der Mensch ist dendrogonischen Ursprungs; er ist strukturell und spirituell aus der Natur hervorgegangen und steht in direkter mikrokosmischer Analogie zum Weltenbaum Yggdrasil1.
Die divergierenden Darstellungen in der isländischen Literatur – von den atavistischen, ekstatischen Schöpfungsakten der drei ungleichen Asen (Odin, Hönir, Lodur/Loki) in der Völuspá bis hin zur systematischen, historisierenden Glättung durch Snorri Sturluson (Odin, Vili, Vé) in der Gylfaginning – illustrieren die immense Dynamik und Vielschichtigkeit der mythischen Überlieferung im Übergang zur schriftlichen Aufzeichnung1. Die Gaben der Götter statten die bis dato schicksalslosen Hölzer zwar mit Atem (önd), Geist (óðr) und Körperwärme (lá) aus, übergeben sie jedoch sogleich der rauen Welt von Midgard und der übergeordneten Macht der Nornen1.
In Verbindung mit etymologischen Rückschlüssen (Feuerbohrer, Esche, Rebe), vergleichender indogermanischer Mythologie (Hesiods Eschennymphen, Mashya im Iran) und archäologischen Funden (Mooridole, rituelle Haine) zeigt sich, dass Ask und Embla nicht lediglich ein mythologisches Relikt sind. Sie waren das pulsierende Zentrum der altnordischen Poesie (Kenningar), die symbolische Legitimation der Gesellschaftsstruktur (Rígsthula) und letztlich der Beweis für eine Kultur, die sich stets der fragilen und unentrinnbaren Verbundenheit der menschlichen Spezies mit den Zyklen und Wäldern des Kosmos bewusst war2.
Referenzen
Ask und Embla: Anthropogonie, Etymologie und kosmologische Verortung in der nordischen Mythologie
Einleitung und religionshistorischer Kontext
Die Frage nach dem Ursprung der Menschheit und ihrer Verortung im Kosmos bildet das epistemologische Fundament nahezu aller mythologischen und religiösen Systeme. In der nordisch-germanischen Tradition manifestiert sich dieser Ursprung in der Erzählung von Ask und Embla (altnordisch Askr ok Embla), den ersten Menschen, von denen das gesamte Menschengeschlecht abstammen soll1. Im scharfen Kontrast zu den dominierenden Schöpfungsmythen des Nahen Ostens – insbesondere der jüdisch-christlichen Genesis, in welcher der Mensch aus Lehm oder Erde (Adam aus adamah) geformt wird – wurzelt die altnordische Anthropogonie in der sogenannten Dendrogonie2. Die Vorstellung einer Entstehung des Menschen aus Holz oder Bäumen spiegelt ein tiefes, naturverbundenes Weltbild wider, in dem der Mensch kein losgelöster Herrscher über die Schöpfung ist, sondern ein organischer Teil von ihr1.
Der Schöpfungsmythos der ersten Menschen markiert den narrativen und ontologischen Schlusspunkt der nordischen Welterschaffung, bevor die Mythen in die Darstellung des Lebens der Götter und Menschen übergehen1. Die historische Dimension dieses Glaubenssystems erstreckt sich über einen gewaltigen Zeitraum. Die Grundlagen der germanischen Religion, deren späteste und literarisch am besten dokumentierte Ausprägung die nordische Mythologie darstellt, lassen sich von der nordischen Bronzezeit (ca. 1500–500 v. Chr.) bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts n. Chr. zurückverfolgen6. Das geografische Areal dieser Glaubensvorstellungen reichte in seiner maximalen Ausdehnung von Island bis zum Schwarzen Meer6.
In der religionshistorischen Forschung der Gegenwart, etwa bei Gro Steinsland, wird diese spezifische Entstehungsgeschichte oft als Ausdruck einer „alten nordischen Holistik“ (gammel norrøn holisme) interpretiert3. Während die christliche Tradition durch die Erschaffung des Menschen als „Ebenbild Gottes“ (Genesis 1,26) eine klare Hierarchie etablierte, die den Menschen zur Herrschaft über die Natur autorisierte und eine Transzendenz-Immanenz-Polarität schuf, positioniert der Mythos von Ask und Embla den Menschen als direkte Verlängerung der Flora3. Diese ökologische und philosophische Implikation bedeutet, dass der Mensch ein Mikrokosmos ist, der in direkter physischer und spiritueller Resonanz zum makrokosmischen Weltenbaum Yggdrasil steht1.
Die Erforschung dieses Mythos ist jedoch durch eine fragmentarische Quellenlage geprägt. Die meisten Informationen über die vorchristliche Religion Skandinaviens wurden paradoxerweise von christlichen Gelehrten auf Island im 13. Jahrhundert – mehr als zweihundert Jahre nach der Christianisierung der Insel im Jahr 999 oder 1000 n. Chr. – niedergeschrieben3. Die Textbasis stützt sich im Wesentlichen auf zwei Hauptquellen, die in ihren theonomen und redaktionellen Details voneinander abweichen: die eddische Dichtung der Völuspá (Der Ausspruch der Seherin) aus der sogenannten Lieder-Edda (oder Sæmundar-Edda) und die systematische Prosa-Edda (Snorra-Edda) des Historikers und Dichters Snorri Sturluson1. Dieser Bericht analysiert die Erschaffung von Ask und Embla in exhaustiver Detailtiefe, beleuchtet die literarischen Quellen philologisch, ordnet etymologische Kontroversen um die Namensgebung und die Göttertriade ein und stellt den Mythos in einen breiteren indogermanischen, gesellschaftlichen und eschatologischen Kontext.
Der kosmogonische Vorlauf: Vom Ginnungagap zu Midgard
Um die Entstehung des Menschen in der nordischen Mythologie vollständig zu erfassen, muss zwingend der kosmogonische Rahmen betrachtet werden, in den Ask und Embla eintreten. Der Schöpfungsbericht beginnt mit einem absoluten Nichts, dem gähnenden Abgrund Ginnungagap. Die dritte Strophe der Völuspá beschreibt diesen Anbeginn der Zeiten:
„Ár var alda, þat er ekki var, var-a sandur né sær né svalar unnir; jörð fannst æva né upphiminn, gap var ginnunga, en gras hvergi.“5
(„Urzeit war es, da Ymir hauste [oder: als nichts war]: / nicht war Sand noch See noch Salzwogen, / nicht Erde unten noch oben Himmel, / Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.“)5
Dieser Urzustand gleicht frappierend den Versen des christlich geprägten, aber auf älterem germanischem Erbe basierenden Wessobrunner Gebets, das rund zweihundert Jahre zuvor im westgermanischen Raum aufgezeichnet wurde und ebenfalls von einer Zeit berichtet, „als Erde nicht war, noch Auf Himmel, noch Baum noch Berg“5.
Erst durch das Aufeinandertreffen der eisigen Kälte aus Niflheim im Norden und der glutheißen Funken aus Muspelheim im Süden entstand im Ginnungagap das erste Wesen: der frostige Urriese Ymir9. Die Götter – namentlich die Söhne Borrs (Odin, Vili und Vé) – erschlugen Ymir und formten aus seinem gewaltigen Leichnam die Welt10. Wie im eddischen Lied Vafþrúðnismál (Strophe 21) erläutert wird, wurde aus Ymirs Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge, aus seinem Schädel das Himmelsgewölbe und aus seinem Blut das Meer geschaffen5.
Die Entstehung der Himmelskörper – Sonne, Mond und Sterne – schuf die Möglichkeit zur Zeitmessung und den Rhythmus von Tag und Nacht, was die Etablierung einer göttlichen Ordnung (Kosmos) markiert8. Um diese neugeschaffene Welt vor den chaotischen Kräften der verbliebenen Riesen (Jötnar) zu schützen, errichteten die Götter aus den Augenbrauen Ymirs einen gewaltigen Wall12. Die so eingefriedete Welt im Zentrum des Kosmos erhielt den Namen Midgard („Mittelheim“ oder „Mittelgarten“)10. Dennoch war diese Welt noch unvollständig. Es bedurfte einer Spezies, die dieses Reich bevölkern und bewirtschaften konnte. Midgard war bereitet, doch die Menschen fehlten.
Die literarischen Primärquellen und ihre Textkritik
Die Darstellung der Anthropogonie unterscheidet sich in den beiden eddischen Hauptwerken erheblich, was auf eine mehrschichtige mündliche Tradition und spätere theologische Redaktionsprozesse hinweist1.
Die Lieder-Edda: Die Völuspá und die schicksalslosen Hölzer
Das Gedicht Völuspá (Weissagung der Seherin) gilt als das bedeutendste Werk der nordischen Mythenüberlieferung8. Es ist im Codex Regius (um 1270) sowie in der Hauksbók (um 1300) überliefert14. In diesem Lied wird die höchste nordische Gottheit, Odin, von einer untoten, allwissenden Seherin (Völva) belehrt, die das Schicksal der Welt vom absoluten Anfang bis zum Untergang (Ragnarök) und der anschließenden Erneuerung überblickt10. Das Auftreten einer weiblichen Figur als Hüterin des absoluten kosmischen Wissens verweist auf die hohe kultische und soziale Stellung von Seherinnen in der vorchristlichen nordischen Welt10.
In den Strophen 17 und 18 schildert die Völva das Auffinden und die Belebung der ersten Menschen. Der altnordische Originaltext, der ein Meisterwerk altgermanischer Stabreimdichtung darstellt, lautet:
„Unz þrír qvómo ór því liði,
ǫflgir oc ástgir, æsir, at húsi;
fundo á landi, lítt megandi,
Asc oc Emblo, ørlǫglausa.
ǫnd þau né átto, óð þau né hǫfðo, lá né læti né lito góða; ǫnd gaf Óðinn, óð gaf Hœnir, lá gaf Lóðurr oc lito góða.“1
Karl Simrocks klassische deutsche Übersetzung (1876) überträgt diese Strophen wie folgt:
„Gingen da dreie aus dieser Versammlung,
Mächtige, milde Asen zumal,
Fanden am Ufer unmächtig
Ask und Embla und ohne Bestimmung.
Besaßen nicht Seele, und Sinn noch nicht, Nicht Blut noch Bewegung, noch blühende Farbe. Seele gab Odhin, Hönir gab Sinn, Blut gab Lodur und blühende Farbe.“11
Diese Verse offenbaren einen komplexen Schöpfungsakt. Die drei Götter – Odin, Hönir und Lodur – finden Ask und Embla „am Land“ (á landi), was zumeist in Anlehnung an spätere Traditionen als Meeresstrand interpretiert wird1. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich Ask und Embla in einem vegetativen, unbelebten Vorzustand. Sie sind „wenig kräftig“ (lítt megandi) und vor allem „schicksalslos“ (ørlǫglausa)1. Dass sie in der Völuspá bereits vor ihrer Belebung die Namen Ask und Embla tragen, legt nahe, dass der Dichter voraussetzte, das Publikum kenne die mythologische Prämisse, dass es sich um Hölzer oder Baumstämme handelte, da Askr wörtlich „Esche“ bedeutet1.
Das Dvergatal und die Hypothese der prä-humanen Formung
Ein massives strukturelles Problem innerhalb der Völuspá liefert das sogenannte Dvergatal (Der Zwergenkatalog), das die Strophen 9 bis 16 umfasst, also exakt vor der Erschaffung der Menschen platziert ist17. In dieser Passage wird berichtet, wie die Götter beratschlagten, wer die Zwerge aus dem Blut und den Knochen Ymirs (hier Brimir und Bláinn genannt) erschaffen solle5. Daraufhin entstanden die Zwerge, angeführt von Modsognir und Durin.
Strophe 10 enthält ein faszinierendes Detail:
„Þar var Mótsognir mæztr um orðinn / dverga allra, enn Durinn annarr; / þeir manlícon mǫrg um gorðo, / dvergar, ór iorðo, sem Durinn sagði.“1 („Da ward Modsognir der mächtigste / Dieser Zwerge, und Durin nach ihm. / Menschenbilder / Machten sie viele, / Die Zwerge, von Erde, wie Durin angab.“)8
Diese Erwähnung von „Menschenbildern“ (manlíkon) aus Erde hat Forscher wie Gro Steinsland und Anders Hultgård zu der Annahme geführt, dass die nordische Anthropogenie in zwei distinkten Phasen verlief19. Nach dieser Theorie besaßen die Zwerge zwar das chthonische, handwerkliche Geschick, um aus den Elementen menschenähnliche Hüllen zu formen, doch fehlte ihnen die göttliche, pneumatische Macht, diese zu beseelen19. Die Götter Triaden in Strophe 17 träfen demnach auf diese vorgefertigten, aber leblosen Körper am Strand. Diese Theorie der „Lehmformung durch Zwerge“ steht jedoch in einer gewissen konzeptionellen Spannung zur Dendrogonie (Holzherkunft), auf die die Namen Ask und Embla hinweisen, was darauf hindeutet, dass in der Völuspá möglicherweise zwei ältere, ursprünglich getrennte Mythenstränge (Lehm vs. Holz) von einem Dichter synthetisiert wurden1.
Die Prosa-Edda: Snorris theologische Systematisierung
Rund zweihundert Jahre nach der Kompilation der Lieder-Edda verfasste der isländische Gelehrte und Politiker Snorri Sturluson (1179–1241) die Prosa-Edda2. Sein Werk, insbesondere der Teil Gylfaginning (Gylfis Verblendung), sollte Skalden als Lehrbuch dienen, strukturierte die Mythologie aber stark nach dem intellektuellen Horizont eines christlich geprägten Hochmittelalters3. Snorri betrieb im Prolog seines Werkes Euhemerismus – er erklärte die alten Götter zu historischen, vergöttlichten Helden aus Kleinasien (Troja), um das heidnische Material für ein christliches Publikum akzeptabel zu machen20.
In Kapitel 9 der Gylfaginning liefert Snorri einen kohärenten, prosaischen Bericht über die Erschaffung der ersten Menschen:
„Þá er þeir gengu með sævarströndu Borssynir, fundu þeir tré tvau ok tóku upp trén ok sköpuðu af menn. Gaf inn fyrsti önd ok líf, annarr vit ok hræring, þriði ásjónu, mál ok heyrn ok sjón, gáfu þeim klæði ok nöfn. Hét karlmaðrinn Askr en konan Embla, ok ólst þaðan af mannkindin, sú er byggðin var gefinn undir Miðgarði.“1
(„Als die Söhne Borrs am Meeresstrand entlanggingen, fanden sie zwei Baumstämme. Die hoben sie auf und erschufen daraus die Menschen. Der Erste gab ihnen Seele und Leben, der Zweite Verstand und Bewegungsfähigkeit, der Dritte äußere Gestalt, Sprechvermögen, Gehör und die Fähigkeit zu sehen. Sie gaben ihnen Kleider und Namen; der Mann hieß Ask, die Frau Embla, und aus ihnen ging das Menschengeschlecht hervor, dem Midgard zur Heimat gegeben wurde.“)1
Die Transformation des Mythos durch Snorri ist signifikant. Erstens ändert er die handelnde Göttertriade. An die Stelle der obskuren Gruppe um Odin, Hönir und Lodur treten die „Söhne Borrs“ (Odin, Vili und Vé), dieselbe Dreifaltigkeit, die Ymir erschlug1. Zweitens betont Snorri ausdrücklich das Ausgangsmaterial: Es handelte sich um zwei noch unbenannte Baumstämme (tré tvau), die sie am Strand fanden2. Drittens formalisiert er den Schöpfungsprozess, indem die Götter die Wesen nicht nur beseelen, sondern sie aktiv schnitzen („schufen daraus die Menschen“), sie im Anschluss benennen und in Midgard ansiedeln1.
Fragmente im Hávamál: Das Motiv der Bekleidung
Snorri fügte seiner Schilderung das Motiv hinzu, dass die Götter den ersten Menschen Kleidung gaben. Dies könnte als Versuch gewertet werden, die nackte Unschuld des Paradieses aus der Genesis auf die nordische Mythologie zu übertragen3. Dennoch lässt sich belegen, dass dieses Element tiefe heidnische Wurzeln besitzt. In der Hávamál (Sprüche des Hohen), einer archaischen Spruchsammlung der Lieder-Edda, findet sich in Strophe 49 ein Vers, in dem Odin selbst spricht:
„Váðir mínar gaf ec velli at tveim trémǫnnom; […]“1 („Meine Kleider gab ich auf dem Feld / zwei Holzmännern; […]“)1
Dieses Fragment wird in der nordistischen Forschung als Relikt eines untergegangenen oder parallel existierenden Schöpfungsmythos identifiziert1. Es belegt, dass die Anthropomorphisierung und Zivilisierung unbelebter Holzkörper („Holzmänner“) durch das Bekleiden ein fester Topos der urgermanischen Tradition war. Erst durch Kleidung, Sprache und Verstand wurden die Naturmaterialien zu sozialen, handlungsfähigen Wesen.
Tabellarischer Abgleich der Textzeugnisse
Um die evolutionäre Entwicklung und theologische Verschiebung des Mythos zu verdeutlichen, bietet sich eine Gegenüberstellung der primären Attribute an:
| Schöpfungsaspekt | Völuspá 17-18 (Lieder-Edda) | Gylfaginning 9 (Prosa-Edda) | Hávamál 49 (Fragment) |
| Schöpfer | Odin, Hönir, Lodur | Söhne Borrs (Odin, Vili, Vé) | Odin (Ich-Erzähler) |
| Ausgangsmaterial | „Ask und Embla“, am Land liegend | Zwei Baumstämme (tré tvau) am Meeresstrand | Zwei Holzmänner (tveim trémǫnnom) auf dem Feld |
| Zustand vor Belebung | Schicksalslos (ørlǫglausa), schwach | Unbelebte Hölzer | Nackte Holzmänner |
| Erste Gabe | ǫnd (Atem, Leben) | önd ok líf (Seele und Leben) | (Nicht explizit genannt) |
| Zweite Gabe | óðr (Geist, Verstand) | vit ok hræring (Verstand und Bewegung) | (Nicht explizit genannt) |
| Dritte Gabe | lá, lito góða (Wärme/Blut, gute Farbe) | ásjónu, mál, heyrn, sjón (Gestalt, Sprache, Gehör, Sehen) | Kleider (váðir) |
| Zusätzliche Akte | – | Namensgebung, Bekleidung, Ansiedlung | Bekleidung macht sie „zu Männern“ |
Die Schöpfergötter und die Phänomenologie ihrer Gaben
Der Schöpfungsprozess des Menschen in der nordischen Mythologie ist kein handwerklicher Formungsakt aus dem Nichts (creatio ex nihilo), sondern eine Übertragung göttlicher Eigenschaften auf ein natürliches Substrat. Die Analyse der spezifischen Gaben bietet einen profunden Einblick in die altnordische Anthropologie und das Verständnis der Seele1.
Odin und die Gabe des Atems (önd)
Odin verleiht den Hölzern önd, was übersetzt „Atem“ bedeutet und metonymisch für „Leben“ steht1. Das etymologische Konzept, das Leben mit dem Ein- und Ausatmen gleichzusetzen, ist ein universelles religiöses Motiv (vgl. das hebräische ruach oder das lateinische spiritus). Odins Wesen ist tief mit Elementen von Wind, Sturm und atmosphärischer Erregung verknüpft (sein Name leitet sich von der indogermanischen Wurzel für Raserei/Wind ab). Durch das Einblasen des Lebenswindes überträgt der oberste Gott seine eigene vitale Kraft auf die unbelebte Materie1. Ohne önd gibt es keine biologische Existenz.
Hönir und die Gabe des Geistes (óðr)
Hönir, eine Gestalt, die in den Mythen oft als unentschlossen oder still dargestellt wird, verleiht den Menschen óðr1. Dieses Wort ist sprachhistorisch eng mit Odins Namen (altnordisch Óðinn) verwandt und bedeutet wörtlich „Wut, Raserei, Erregtheit“, umfasst aber auch die Konzepte „Geist“, „Verstand“ und „Dichtung“1. Das damalige nordische Verständnis von psychologischen Prozessen basierte stark auf Ekstase und Erregung. Óðr ist somit keine rein analytische Vernunft, sondern die emotionale, geistige und spirituelle Regsamkeit des Menschen1. Aus christlich-theologischer Perspektive des Mittelalters wurde dieser Begriff oft mit der „Seele“ gleichgesetzt, die sich an den physischen Körper bindet1.
Lodur: Körperwärme, Farbe und das Loki-Rätsel
Die umstrittenste Phase der Anthropogonie betrifft die Gaben des Gottes Lodur (Lóðurr). Er verleiht Ask und Embla lá und lito góða1. Lá ist etymologisch polysem und wird von Linguisten wahlweise mit „Blut“, „Lebenswärme“, „Film aus Fleisch“ oder allgemeiner „Körperflüssigkeit“ übersetzt1. Es repräsentiert die grobstoffliche Lebenskraft, das Zirkulieren der Säfte im Organismus. Lito góða bedeutet wörtlich „die gute Farbe“ und steht für das gesunde, menschliche Erscheinungsbild – die rosenrote Haut als Zeichen pulsierenden Lebens1. Eine Minderheitenmeinung in der Forschung, angeführt durch Gro Steinsland, schlug vor, den Urtext metrisch bedingt als lito goða zu lesen, was „göttliches Aussehen“ bedeuten würde1. Dies würde implizieren, dass der Mensch buchstäblich nach dem optischen Ebenbild der Asen geformt wurde1.
Wer aber ist Lodur? Dieser Gott tritt in der gesamten Prosa-Edda nicht ein einziges Mal in Erscheinung, und auch in der Lieder-Edda bleibt er ein Schatten. Die germanistische Forschung ist hier in drei Hauptlager gespalten23:
- Die Vili/Vé-Theorie: Da Snorri Sturluson die Schöpfung den Söhnen Borrs zuschreibt, schlossen Forscher wie Viktor Rydberg im 19. Jahrhundert, dass Hönir und Lodur lediglich alternative Heiti (Synonyme) für Vili und Vé sein müssten23.
- Die Freyr-Theorie: Einige Etymologen verknüpften den Namen Lodur mit Fruchtbarkeitsbegriffen (z. B. altnordisch lóð für „Frucht/Ertrag“ oder gotisch liudan für „wachsen“), um ihn mit dem Wanengott Freyr gleichzusetzen. Direkte literarische Belege hierfür fehlen jedoch23.
- Die Loki-Theorie (Ursula Dronke, Haukur Þorgeirsson): Die heute am intensivsten diskutierte These identifiziert Lodur als dritten Namen des Trickster-Gottes Loki (neben Loptr)23. In der skaldischen Dichtung, etwa im Haustlöng oder dem Prolog der Reginsmál, treten Odin, Hönir und Loki immer wieder als kanonisches Reisegespann auf23. In skaldischen Kenningar (Umschreibungen) wird Odin zudem als „Lodurs Freund“ (Lóðurrs vinr) bezeichnet, was ein exaktes sprachliches Pendant zu der bekannten Kenning „Loptrs (Lokis) Freund“ darstellt23. Die gravierendste Beweisführung liefert jedoch die isländische Rímur-Dichtung des späten Mittelalters, namentlich die Lokrur und Þrymlur (um 1400 n. Chr.). In diesen volkssprachlichen Balladen wird Loki explizit als „Lóður“ angesprochen23. Da im 14. Jahrhundert das genaue Wissen der eddischen Dichtung als weitgehend vergessen galt und Snorri den Namen Lodur ohnehin ausließ, argumentiert Haukur Þorgeirsson, dass diese Dichter ihr Wissen aus einer überlebenden, starken mündlichen Tradition bezogen haben müssen, die Loki und Lodur gleichsetzte23.
Die Vorstellung, dass ausgerechnet Loki – der Gott der List, des Verrats und der spätere Auslöser des Weltuntergangs (Ragnarök) – den Menschen ihr körperliches Aussehen und ihr wärmendes Blut gab, verleiht der nordischen Anthropologie eine tragische Tiefe. Loki ist es, der den Menschen an das Fleischliche bindet. Es ist eine tiefe mythologische Ironie und ein Beweis für die Dualität der Welt, dass der Zerstörer der Weltordnung zugleich einer ihrer Schöpfer ist23.
Philologische und Etymologische Kontroversen um Ask und Embla
Die Benennung des ersten Menschenpaares birgt den tiefsten ontologischen Schlüssel zum Verständnis der nordischen Schöpfung. Während die Namen Adam (Erde) und Eva (die Lebendige) das hebräische Weltbild widerspiegeln, offenbaren Ask und Embla die indogermanische Flora-Symbolik2.
Askr – Die Esche, die Krieger und der Weltenbaum
Der Name des Mannes, Askr, ist etymologisch absolut transparent. Er geht lückenlos auf das urgermanische *askaz und das indogermanische *osk- zurück und bedeutet schlicht „Esche“1. Diese botanische Identifikation ist auf mehreren Ebenen signifikant:
- Materielle Kultur: Eschenholz zeichnet sich durch immense Zähigkeit, Elastizität und Härte aus. In der prähistorischen und wikingerzeitlichen Gesellschaft Skandinaviens war Eschenholz der präferierte Werkstoff für den Bau von Speerschäften (dem Stab des Kriegers) sowie für den Schiffbau und landwirtschaftliche Werkzeuge1. Der Krieger war im übertragenen und wörtlichen Sinne die Speeresche.
- Makrokosmische Analogie: Wie bereits angedeutet, ist der Weltenbaum Yggdrasil ebenfalls eine Esche. Die Völuspá etabliert in Strophe 19, direkt nach der Erschaffung des Menschen, die Verbindung: „Asc veit ec standa, heitir Yggdrasil“ („Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasil“)1. Die drei fundamentalen Ebenen des Baumes (Wurzelwerk in der Unterwelt, Stamm in Midgard, Krone in Asgard) spiegeln die menschliche Physis (Füße, Rumpf, Kopf) wider1. Der Mensch ist nicht nur aus einem Baum gemacht; er ist ein Fraktal des universalen Weltenbaums, eine kleine Esche, deren Existenz das Gefüge der Welt aufrechterhält1.
Embla – Ulme, Rebe oder das Reibholz des Feuers?
Im Gegensatz zur klaren Herkunft von Askr gilt die Etymologie des Frauennamens Embla als eines der größten ungelösten linguistischen Rätsel der nordischen Philologie. Ein direkter altnordischer Baumnamen, der „Embla“ lautet, existiert nicht. Die Wissenschaft hat im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts vier dominante Theorien entwickelt, die in der folgenden Übersicht systematisiert werden:
| Theorie | Linguistischer Ursprung | Symbolische Bedeutung / Kontext | Vertreter |
| Ulmen-Theorie | *Almilōn -> *Ambilō -> Embla (Diminutiv zu altnordisch almr für Ulme) | Ulmen wachsen oft symbiotisch mit Eschen. Holz war ebenfalls ein wichtiger Werkstoff. Sprachhistorisch jedoch hochspekulativ und fehleranfällig. | Sophus Bugge (1881)1 |
| Reben-Theorie | Griechisch ámpelos (ἄμπελος) -> urgerm. *Ambilō -> Embla | Die rankende, sich anlehnende Schlingpflanze als weibliches Pendant zur festen, aufrechten Esche. Symbolisiert Fruchtbarkeit und Flexibilität. | Jan de Vries, Karl G. Johannson2 |
| Fleißige-Frau-Theorie | Wurzeln amr, aml, ambl (emsige Arbeit / fleißig sein) | „Die Fleißige“. Parallele zu indoiranischen Ur-Paaren, die agrikulturelle Bedeutung trugen. Keine botanische Herleitung. | Jacob Grimm, Benjamin Thorpe2 |
| Feuerbohrer-Theorie | Altnordisch eim (Feuer/Rauch/Dampf) + la = „Feuermacherin“ | Sexuelle Metaphorik: Der harte Holzstab (Askr) wird rituell in ein weicheres Holz/Rebe (Embla) gerieben, um Lebenswärme zu erzeugen. | Gunlög Josefsson, Henning Kure2 |
Besondere Beachtung verdient die Feuerbohrer-Theorie (Fire drill theory). In zahllosen indogermanischen und archaischen Gesellschaften wird das rituelle Entzünden von Feuer durch Reibung (ein harter Stab bohrt in eine weichere Unterlage) explizit mit dem sexuellen Zeugungsakt gleichgesetzt2. Gunlög Josefsson und Henning Kure argumentieren, dass das Hervorbringen von „Lebenswärme“ (lá) und Feuer das ultimative Symbol für Orgasmus, Befruchtung und Reproduktion ist2. Dieser Akt der Zeugung aus Holz findet visuelle Bestätigung auf Felsritzungen der skandinavischen Bronzezeit, etwa in den Gräbern von Kivik, wo Rituale rund um Feuer und Fruchtbarkeit im Zentrum des Kults standen2. Embla wäre demnach nicht einfach eine Baumart, sondern repräsentiert die essenzielle Funktion des Hervorbringens von Leben und Feuer.
Der religionshistorische und indogermanische Kontext
Der Mythos von Ask und Embla ist kein nordischer Isolationsfall, sondern die Endausprägung eines weitreichenden indogermanischen Narrativs, das Mythenforscher wie Bruce Lincoln als ein vereintes mythologisches System beschreiben, welches Individuum, Gesellschaft und Kosmos verschränkt30.
Dendrogonie im Vergleich: Hesiod und der Iran
Die Entstehung des Menschen aus Bäumen oder Felsen unterscheidet die indogermanische Erzähltradition fundamental von der nahöstlichen Tradition der Formung aus Lehm oder Ton (Bibel, Gilgamesch, Enuma Elisch)2. Anders Hultgård demonstriert, dass diese Dendrogonie insbesondere bei Völkern in Europa, Kleinasien und dem Iran verankert war2.
- Griechische Antike: Der Dichter Hesiod berichtet in seiner Theogonie und den Werken und Tagen (ca. 700 v. Chr.) von den Meliae, den Eschennymphen, die aus dem Blut des kastrierten Uranos auf die Erde fielen. Aus diesen Eschennymphen – oder direkt aus dem Holz der Esche – schuf Zeus das grausame, martialische Menschengeschlecht der Bronzezeit, dessen Waffen und Herzen so hart wie die Esche waren1.
- Iranische Antike: In den mitteliranischen Schriften, insbesondere im zoroastrischen Bundahischn (Kapitel 15), wachsen die ersten Menschen, Mashya und Mashyanag, zur Zeit der Herbst-Tagundnachtgleiche aus der Erde2. Sie wuchsen für fünfzehn Jahre in Form einer Rhabarberpflanze mit einem einzigen Stamm heran. Sie waren so eng miteinander verschlungen, dass man Mann und Frau nicht voneinander unterscheiden konnte. Schließlich griff der Schöpfergott Ahura Mazda ein, verlieh ihnen eine Seele und sprach: „Seid Menschen; werdet die Eltern der Welt!“33. Daraufhin wandelten sie ihre pflanzliche Gestalt in menschliche Formen.
Hultgård folgert, dass der nordische Mythos eine extrem komprimierte Form einer analogen Erzählung darstellt. Bevor die Götter an den Strand traten, waren Ask und Embla vermutlich langsam aus dem neugeborenen Land als pflanzliche Wesen herangewachsen. Sie befanden sich in einem prähumanen, vegetativen Dämmerzustand („wenig kräftig“), bis die asische Triade sie durch eine göttliche Metamorphose in voll entwickelte, beseelte Menschen verwandelte3.
Heilige Haine und hölzerne Idole: Die archäologische Realität
Der Mythos von Ask und Embla stand nicht in einem Vakuum, sondern war tief in der rituellen Praxis der Germanen verankert. Die Verehrung von Bäumen als Wohnsitz von Gottheiten und die Durchführung von Kulten im Wald (Heilige Haine) sind historisch bestens bezeugt34.
Bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. berichtete der römische Historiker Tacitus in seiner Germania, dass die Germanen keine gemauerten Tempel bauten, sondern „Wälder und Haine weihen und mit den Namen von Göttern jene verborgene Präsenz benennen, die sie nur im Auge der Andacht sehen“34. Er beschrieb den grausamen, aber hochheiligen Opferhain der Semnonen und das unberührte Wäldchen (castum nemus) auf einer Ozeaninsel, in dem die Göttin Nerthus residierte34. Nach einer Schlacht im Teutoburger Wald opferten die Cherusker römische Gefangene an den Bäumen ihrer Heiligtümer34.
Archäologische Funde stützen diese Berichte über dendrolatrische (baumverehrende) Praktiken bis in die späte Wikingerzeit. Bei Ausgrabungen unter der Kirche von Frösön in Jämtland (Schweden) wurde ein vermoderter Birkenstumpf entdeckt, der von großen Mengen an Tierknochen (vorwiegend Braunbären und Schweine) umgeben war – der physische Beweis eines heiligen Baumes, an dem bis ins 11. Jahrhundert Opferhandlungen (Blót) stattfanden34. Auf dem Hügel Lunda (übersetzt „Der Hain“) in Södermanland fanden sich ähnliche Relikte von Brandopfern34.
Besonders eindrucksvoll manifestiert sich die Verschmelzung von Holz und Götterbild in den sogenannten Moorleichen-Idolen. Im Braaker Moor (Schleswig-Holstein) wurden zwei überlebensgroße, nackte Holzfiguren – ein Mann und eine Frau – aus dem Torf geborgen. Die Forscherin Hilda Ellis Davidson argumentiert, dass solche hölzernen Deitäten (möglicherweise des Wanen-Kults) ein direkter physischer Nachhall der Vorstellung sind, dass das Göttliche und Menschliche aus dem Holz der Wälder geformt werden kann2. Ask und Embla waren für den altgermanischen Menschen keine abstrakten Metaphern, sondern spiegelten sich tagtäglich in den Idolfiguren wider, die an den Stränden und Mooren aufgestellt wurden.
Schicksal, Gesellschaft und Eschatologie
Ask und Embla wurden mit Seele, Verstand und Körperwärme ausgestattet, doch die asischen Schöpfer konnten ihnen nicht das Wichtigste verleihen: den Sinn oder Ablauf ihres Lebens.
Ørlǫglausa und das Diktat der Nornen
In der Völuspá wird explizit betont, dass Ask und Embla bei ihrer Auffindung ørlǫglausa – „ohne Schicksal“ – waren1. Das altnordische Konzept des Schicksals (örlög, wörtlich „das Ur-Gelegte“ oder „Grundgesetz“) unterscheidet sich gravierend vom christlichen Konzept der Vorsehung5. Die Götter sind in der nordischen Mythologie nicht allmächtig. Sie erschufen zwar den menschlichen Körper und Geist, haben jedoch keine Kontrolle über die Länge und das Glück eines Menschenlebens5.
Dieses Monopol obliegt den Nornen. Nur zwei Strophen nach der Beschreibung des Weltenbaums berichtet die Völuspá (Strophe 20), dass drei vielwissende Mädchen aus dem See unter Yggdrasil kamen: Urd (das Gewordene / die Vergangenheit), Verdandi (das Werdende / die Gegenwart) und Skuld (das Sein-Sollende / die Zukunft)1.
„þær lǫg lǫgðo, þær líf kuro / alda bornom, ørlǫg seggia.“ („Sie legten Bestimmungen fest, sie wählten das Leben / den Menschenkindern, das Schicksal der Männer.“)1
Während die Götter also die bloße Existenz stifteten, webten, ritzten und bestimmten die Nornen den Lebensfaden1. Dies impliziert eine deterministische, aber stark in der Natur verwurzelte Weltanschauung. Selbst die Götter – einschließlich Odin – müssen sich letztlich den Fäden der Nornen beugen10.
Baummetaphorik in der Skaldendichtung: Der Mensch als Baum
Der kulturelle Nachhall von Ask und Embla durchdrang das wichtigste intellektuelle Medium der Wikingerzeit: die skaldische Dichtkunst4. Skalden bedienten sich sogenannter Kenningar (Singular: Kenning), zweigliedriger rhetorischer Umschreibungen, um Dinge komplexer auszudrücken36. Die Basis dieser Metaphorik ist zutiefst anthropogonisch.
Snorri Sturluson fasste diese Konvention in seiner theoretischen Schrift Skáldskaparmál (Kapitel 31) zusammen: Da der erste Mann aus einer Esche (askr) und die Frau aus einem weiblichen Baum (embla) bestand, wurden in den Kenningar Männer konsequent mit Bezeichnungen für männliche Bäume (Esche, Ahorn, Hain) und Frauen mit weiblichen Baumnamen oder Holzarten belegt1. Ein typischer Krieger wurde als „Esche des Schwertes“ oder „Baum der Schlacht“ bezeichnet37. Frauen wurden in Liebesgedichten als „Baum des Schmucks“ oder „Linde des Goldes“ besungen2. Diese poetische Architektur belegt, dass die Wikingergesellschaft die Gleichsetzung von Menschen und Baum als fundamentale ontologische Wahrheit betrachtete; die biologische Herkunft von Ask und Embla definierte das Selbstverständnis des Individuums2.
Rígsthula und die Sakralisierung der gesellschaftlichen Ordnung
Während Ask und Embla das biologische Fundament der Menschheit bilden, reichte der Mythos nicht aus, um die stark hierarchisch gegliederte Gesellschaft der Wikingerzeit zu erklären38. Hier setzt ein anderes bedeutendes eddisches Gedicht an: Die Rígsthula (Das Lied von Ríg)13.
Dieses Gedicht, das in einer Handschrift der Snorra-Edda (Codex Wormianus, 14. Jh.) überliefert ist, berichtet, wie ein wandernder Gott namens Ríg (gemäß dem Prolog Heimdall, obwohl einige Forscher Eigenschaften Odins erkennen) durch Midgard wandert und die Nachkommen von Ask und Embla besucht, um die sozialen Stände zu erschaffen13. Heimdall, der Wächtergott, ist selbst mythologisch stark mit dem Weltenbaum verbunden, da er am Rand der Welt von neun Riesenjungfrauen (Müttern) geboren wurde40.
Ríg besucht nacheinander drei Ehepaare und zeugt bei den Frauen drei Stammsöhne:
- Der unfreie Stand: Bei Ai (Urgroßvater) und Edda (Urgroßmutter) zeugt er Thrall (Knecht). Aus ihm und seiner Frau Esne entstammt die Klasse der Sklaven und hart arbeitenden Knechte, geprägt von rauer Haut und klobigen Händen13.
- Der freie Stand: Bei Afi (Großvater) und Amma (Großmutter) zeugt er Karl (Freier Mann/Bauer). Er wird der Ahnherr der wehrhaften Bauern, Handwerker und Landbesitzer, die in Midgard das Rückgrat der Ökonomie bildeten13.
- Der Adel: Bei Vater und Mutter zeugt er Jarl (Edler). Er ist der Ahne der adligen Krieger, Könige und Herrscher. Ríg ehrt diesen Stand besonders, indem er zurückkehrt, Jarl seinen eigenen Namen (Ríg) als Titel verleiht und dessen jüngerem Sohn Kon (König) die geheime Magie der Runen lehrt13.
Dieser Mythos zeigt, dass Ask und Embla zwar die universelle Gleichheit im Ursprung der Gattung repräsentieren, die altnordische Kultur jedoch eine zusätzliche göttliche Intervention benötigte, um die soziale Klassengesellschaft (Leibeigene, freie Bauern, kriegerischer Adel) ontologisch zu legitimieren13.
Der eschatologische Zyklus: Ragnarök, Líf und Lífthrasir
Die nordische Kosmologie zeichnet sich durch einen unerbittlichen Zyklus von Schöpfung und Zerstörung aus. Die Ordnung, die die Götter mit Midgard und der Erschaffung von Ask und Embla errichteten, trägt bereits den Keim ihres Untergangs in sich10. Der moralische Verfall in Midgard – Bruder bekämpft Bruder, Eide werden gebrochen (wie die Völuspá dramatisch beschreibt) – mündet zwangsläufig in die eschatologische Endschlacht: Ragnarök (Das Schicksal der Götter)10.
Wenn der Feuerriese Surt die Welt in Flammen setzt und Midgard im Meer versinkt, sterben die meisten Götter und nahezu die gesamte Menschheit (die Nachfahren von Ask und Embla)10. Doch das Prinzip des Lebens erweist sich als ebenso beständig wie das Holz des Weltenbaums. Zwei Menschen, das Paar Líf (Leben) und Lífthrasir (Lebensdrang), überleben das flammende Inferno, indem sie sich in Hoddmimirs Holz (einer Manifestation von Yggdrasil) verbergen und sich vom Morgentau ernähren10.
Als die gereinigte, neugrünende Erde (iðiagrœna) ein zweites Mal aus den Fluten emporsteigt, werden Líf und Lífthrasir zu den neuen Stammeltern der Menschheit in einem erneuerten Zeitalter, in dem die Felder ungesät wachsen und Baldur aus der Unterwelt zurückkehrt5. Die Parallele ist eklatant: Wie einst Ask und Embla als Hölzer von den Göttern belebt wurden, so überleben die neuen Stammeltern, geborgen im Holz des ewigen Baumes10. Dies schließt den Kreis der „alten nordischen Holistik“ – der Mensch geht aus dem Baum hervor, wird vom Baum vor der totalen Vernichtung geschützt und gebiert aus dessen Schutz heraus den Anbruch einer neuen Ära.
Fazit
Die Analyse des Mythos um Ask und Embla erhellt die fundamentalen Unterschiede zwischen dem altgermanischen und dem christlich-abendländischen Menschenbild. Während das Letztere den Menschen als Krone einer anthropozentrischen Schöpfung begreift, formuliert die nordische Anthropogonie einen konsequenten Ökozentrismus. Der Mensch ist dendrogonischen Ursprungs; er ist strukturell und spirituell aus der Natur hervorgegangen und steht in direkter mikrokosmischer Analogie zum Weltenbaum Yggdrasil1.
Die divergierenden Darstellungen in der isländischen Literatur – von den atavistischen, ekstatischen Schöpfungsakten der drei ungleichen Asen (Odin, Hönir, Lodur/Loki) in der Völuspá bis hin zur systematischen, historisierenden Glättung durch Snorri Sturluson (Odin, Vili, Vé) in der Gylfaginning – illustrieren die immense Dynamik und Vielschichtigkeit der mythischen Überlieferung im Übergang zur schriftlichen Aufzeichnung1. Die Gaben der Götter statten die bis dato schicksalslosen Hölzer zwar mit Atem (önd), Geist (óðr) und Körperwärme (lá) aus, übergeben sie jedoch sogleich der rauen Welt von Midgard und der übergeordneten Macht der Nornen1.
In Verbindung mit etymologischen Rückschlüssen (Feuerbohrer, Esche, Rebe), vergleichender indogermanischer Mythologie (Hesiods Eschennymphen, Mashya im Iran) und archäologischen Funden (Mooridole, rituelle Haine) zeigt sich, dass Ask und Embla nicht lediglich ein mythologisches Relikt sind. Sie waren das pulsierende Zentrum der altnordischen Poesie (Kenningar), die symbolische Legitimation der Gesellschaftsstruktur (Rígsthula) und letztlich der Beweis für eine Kultur, die sich stets der fragilen und unentrinnbaren Verbundenheit der menschlichen Spezies mit den Zyklen und Wäldern des Kosmos bewusst war2.
Referenzen
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